Agil oder klassisch? Das Diamond-Modell liefert die wissenschaftlich fundierte Antwort
Die Diskussion um agile versus rollierend-planende Projektmethoden dominiert seit Jahren das Projektmanagement. Dabei wird oft übersehen, dass die Wahl des Vorgehens nicht ideologisch, sondern analytisch erfolgen sollte. Das Diamond-Modell von Aaron Shenhar und Dov Dvir bietet hierfür einen bewährten Rahmen, der auf über 600 analysierten Projekten basiert.
Die vier Dimensionen der Projektbewertung
Das Modell bewertet Projekte anhand von vier objektiven Dimensionen, die maßgeblich für den Projekterfolg sind:
1. Technology-Dimension: Technologische Unsicherheit
- Low-Tech: Etablierte, bewährte Technologien ohne Entwicklungsrisiko
- Medium-Tech: Bekannte Technologien in neuer Anwendung oder Kombination
- High-Tech: Neue, aber bereits erprobte Technologien mit überschaubarem Risiko
- Super High-Tech: Völlig neue, unerprobte Technologien mit hohem Entwicklungsrisiko
2. Pace-Dimension: Zeitkritikalität
- Regular: Normale Projektlaufzeit ohne besonderen Zeitdruck
- Fast/Competitive: Verkürzte Laufzeit aufgrund von Marktanforderungen
- Time-Critical: Sehr enge Zeitvorgaben mit kritischen Meilensteinen
- Blitz: Extrem kurze Projektlaufzeit, oft bei Krisenprojekten
3. Novelty-Dimension: Innovationsgrad
- Derivative: Erweiterungen oder Verbesserungen bestehender Produkte/Systeme
- Platform: Neue Generation auf bewährter Basis
- Breakthrough: Revolutionäre Neuerungen mit hoher Marktrelevanz
4. Complexity-Dimension: Systemkomplexität
- Assembly: Einzelkomponenten oder Subsysteme
- System: Integrierte Systeme mit definierten Schnittstellen
- Array: Komplexe Systemverbunde mit vielfältigen Abhängigkeiten
Praktische Anwendung in IT-Projekten
Die Bewertung erfolgt durch Einordnung des Projekts in jeder Dimension. Je höher die Ausprägung, desto mehr spricht für adaptive, agile Vorgehensweisen.
Beispiel: Rechenzentrum-Modernisierung
- Technology: Medium-Tech (bewährte Server-/Storage-Technologie, neue Virtualisierung)
- Pace: Time-Critical (Vertragslaufzeiten, Compliance-Anforderungen)
- Novelty: Derivative (Modernisierung bestehender Infrastruktur)
- Complexity: Array (Vielzahl von Systemen, Schnittstellen, Stakeholder)
Empfehlung: Hybrides Vorgehen mit klassischer Planungsphase und agilen Umsetzungssprints.
Beispiel: Cloud-Native Applikationsentwicklung
- Technology: High-Tech (Container-Orchestrierung, Microservices)
- Pace: Fast/Competitive (Marktdruck, erste Pilotanwendung)
- Novelty: Platform (neue Architektur auf bekannter Cloud-Basis)
- Complexity: System (definierte Services, klare API-Schnittstellen)
Empfehlung: Agiles Vorgehen mit DevOps-Integration.
Beispiel: ERP-System-Rollout
- Technology: Low-Tech (Standardsoftware, bewährte Integration)
- Pace: Regular (normaler Projektzeitplan)
- Novelty: Derivative (Ablösung Altsystem, gleiche Geschäftsprozesse)
- Complexity: System (definierte Module, Standardschnittstellen)
Empfehlung: Rollierendes Planungsvorgehen mit strukturiertem Change Management.
Entscheidungsmatrix für IT-Projekte
Agile Methoden bevorzugt bei:
- Hoher technologischer Unsicherheit (High/Super High-Tech)
- Hohem Innovationsgrad (Platform/Breakthrough)
- Zeitkritischen Anforderungen mit iterativer Wertschöpfung
- Mittlerer Komplexität mit flexiblen Anforderungen
Rollierendes Planungsvorgehen bevorzugt bei:
- Bewährten Technologien (Low/Medium-Tech)
- Derivativen Projekten mit klaren Anforderungen
- Regulärem Zeitrahmen ohne kritische Meilensteine
- Hoher Komplexität mit stabilen Schnittstellen
Hybride Ansätze optimal bei:
- Gemischten Ausprägungen in den Dimensionen
- Hoher Systemkomplexität mit Innovationselementen
- Regulierten Umgebungen mit Dokumentationspflicht
- Großprojekten mit verschiedenen Teilprojektcharakteristiken
Erfolgreiche Implementierung in der Praxis
Die Anwendung des Diamond-Modells erfordert eine ehrliche Projektbewertung ohne Wunschdenken. Häufige Fallstricke:
- Überschätzung der eigenen Agilität: Nicht jede Organisation ist für agile Methoden geeignet.
- Unterschätzung der Komplexität: Besonders bei gewachsenen IT-Landschaften.
- Politische Entscheidungen: Methodenwahl aufgrund von Trends statt objektiver Bewertung.
- Fehlende Stakeholder-Einbindung: Verschiedene Bereiche haben unterschiedliche Reifegrade.
Fazit: Wissenschaft statt Ideologie
Das Diamond-Modell bietet IT-Projektmanagern eine evidenzbasierte Entscheidungsgrundlage für die Methodenwahl. Statt pauschaler Empfehlungen ermöglicht es eine situative Anpassung des Vorgehens an die spezifischen Projektcharakteristika.
IT-Projekte erfordern differenzierte Ansätze: Während innovative KI-Projekte agile Methoden benötigen, bleiben bewährte rollierend-planende Verfahren bei Compliance-getriebenen Infrastrukturprojekten oft die bessere Wahl.
Die Kunst liegt nicht in der perfekten Methode, sondern in der optimalen Passung zwischen Projekt und Vorgehen.
Quelle: Shenhar, A./Dvir, D.: Reinventing Project Management — The Diamond Approach to Successful Growth and Innovation, Harvard Business School Press, 2007